Licht ins Dunkel bringen

Es ist Zeit, das Schweigen zu brechen! - Ein Blog von Matthias Eggers

Als Papst Benedikt im Jahr 2013 zurücktrat, war die römisch-katholische Kirche an einem besonderen Tiefpunkt ihres eigenen Versagens angekommen. Selbst Papst Benedikt sah sich den Strukturen und Machenschaften innerhalb des Vatikans offensichtlich ohnmächtig gegenüber, die ihn maßlos überforderten. Sein Nachfolger prangerte bereits in seiner Predigt im Konklave den "theologischen Narzissmus" an und wurde daraufhin zum Papst gewählt. Weihnachten 2014 sprach er von den 15 Krankheiten der Kurie und in der Folge sogar vom "perversen Klerikalismus".

Wer die Kirche erneuern möchte, muss ihre Probleme klar benennen - es sei denn, er profitiert selbst vom "perversen Klerikalismus" und setzt auf die eigene Machtposition. Ich möchte im Folgenden im Hinblick auf sexualisierte Gewalt vier Ebenen kirchlichen Versagens unterscheiden. Sie haben teilweise den Charakter zeitlicher Phasen, die aufeinander folgen und zugleich miteinander verschränkt sind.

Die Ebene der Verbrechen selbst
Missbrauch bzw. sexualisierte oder sexuelle Gewalt durch Kleriker ist ein besonders schweres Verbrechen. Er betrifft Leib und Seele und oftmals auch die Ebene der Gottesbeziehung und des Urvertrauens. Viele Studien zeigen, dass die Zahl der Fälle sexualisierter Gewalt beziehungsweise der Verbrechen durch Kleriker zum Glück abnimmt. Das kann umgekehrt jedoch kein Grund zur Entwarnung sein. Alle Präventionskonzepte weisen darauf hin, dass es einer anhaltenden und vertieften Kultur der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit bedarf. Schonungslose Aufarbeitung dessen, wie es zu den Verbrechen kommen konnte, spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Bis heute ist klar, dass noch immer ein großer Teil der damaligen Verbrechen im Dunkeln liegt. Die Pfarrei St. Petrus ist eine der wenigen Pfarreien, die sich diesem Thema weiterhin proaktiv stellt.

Die Potenzierung der Verbrechen durch eine Kultur des Wegsehens und der gravierenden Verantwortungslosigkeit
Insbesondere der Historiker Prof. Großbölting hat darauf hingewiesen, wie fatal das Verhalten der Verantwortungsträger, der Bischöfe und der Personalverantwortlichen in der Vergangenheit gewesen ist. Durch das Verschweigen und die Versetzung mit anschließendem Wiedereinsatz wurde den Tätern signalisiert, dass sie in ihrer bürgerlichen Existenz geschützt sind. Zugleich wurden ihnen durch das Verschweigen und den unkontrollierten Einsatz in der Seelsorge neue Zugriffsmöglichkeiten für weitere Verbrechen eröffnet.

Die Phase der dreisten Lügen und Vertuschung durch die höchsten kirchlichen Würdenträger Deutschlands
Man könnte meinen, mit den Leitlinien von 2002, die nach dem Aufflammen des Missbrauchsskandals in den Vereinigten Staaten von Amerika von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlicht wurden, hätte sich die Lage in Deutschland grundlegend geklärt. Die selbst gesetzten Leitlinien schreiben unter Abschnitt VII "Öffentlichkeit" vor: "Eine angemessene Information der Öffentlichkeit wird gewährleistet ..." Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, erklärte damals in einem Spiegel-Interview, die amerikanische Situation treffe auf Deutschland in diesem Ausmaß nicht zu. Er kenne aus seiner Zeit "vielleicht drei oder vier Fälle". Heute wissen wir durch die Aufarbeitungsstudien, dass dies im Bereich der Verbrechen an Kindern durch Kleriker eine dreiste Lüge war. Und wir wissen heute auch: Allen Bischöfen und allen Personalverantwortlichen aus dieser Zeit musste klar sein, dass der Kardinal die Unwahrheit sagte. Aber keiner hat aufbegehrt. Auch das Erzbistum Köln benennt noch 2010 und 2011 in einer Informationsbroschüre unter dem Titel "Zu Vorfällen von sexuellem Missbrauch" im Abschnitt "Dokumentation: Fälle und Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln" lediglich fünf Fälle durch Kleriker. In den Vorworten dieser Broschüre rufen Kardinal Meisner und der damalige Personalchef Msgr. Dr. Heße - der heutige Erzbischof von Hamburg - zu "Ehrlichkeit, Offenheit und dem Willen zur Umkehr" (Meisner) sowie zu "Ehrlichkeit, Wachsamkeit und Schutz" (Heße) auf. Das heißt: Hier wurde nicht nur gelogen und vertuscht, sondern unter dem Appell an die Wahrheit das absolute Gegenteil dessen getan, was man von allen anderen einforderte - letztlich ein Ausdruck tiefer moralischer Verkommenheit unter dem Deckmantel vorgeblicher Wahrheitsliebe.

Die Phase der Halbwahrheiten, der Verantwortungsverdunstung und der Aufrechterhaltung der "Schöne-Worte"-Fassaden
Der Leiter des römischen "Zentrums für Kinderschutz" der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, Pater Prof Zollner SJ hat im vergangenen Jahr in einem Vortrag "Safeguarding und Glaubwürdigkeit" darauf aufmerksam gemacht, dass der Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche in der Diskrepanz zwischen theologischem Anspruch und der Realität ihres eigenen Handelns wurzelt. "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht", zitiert er dieses bekannte Sprichwort und weist darauf hin, dass mit dem Lügen letztlich jede Beziehung zerstört wird. Die kirchlichen Fassaden funktionieren auch deshalb heute noch so gut, weil es bis heute keine umfassende proaktive Aufarbeitung und Verantwortungsübernahme im Bereich dieser Kultur der Lügen und Halbwahrheiten gibt. Zudem gibt es bis heute keine Gewaltenteilung, und fast durchgängig fehlt die angekündigte Verwaltungsgerichtsbarkeit. Bischöfe und ihre Verwaltungen haben quasi immer die Deutungshoheit und das letzte Wort.